Alltagsimpuls: Wachsamkeit in der Passionszeit

Geschlafen wird später

„Geschlafen wird später!“ – das hat sich der Verein „Netzwerk für Demokratische Kultur e.V.“ (www.ndk-wurzen.de) als Motto gegeben. Der Verein fördert die demokratische Kultur in der Stadt Wurzen (bei Leipzig), in der Region und darüber hinaus. Wenn ich mir die gesellschaftliche und politische Entwicklung in unserem Land und in der Welt anschaue, sind solche Vereine und Initiativen wichtiger denn je. Dass gerade in diesem Bereich Fördermittel und Unterstützungen gestrichen werden und solche Initiativen sogar offen diskreditiert und bedroht werden, zeigt, welcher Wind weht.

„Geschlafen wird später!“ – Das wäre auch ein Motto für die drei Jünger im Garten Gethsemane gewesen: Nach dem gemeinsamen Abendmahl gehen alle nach Gethsemane. Dort zieht sich Jesus zurück, um zu beten (Mt 26,36-46). Nur Petrus, Jakobus und Johannes nimmt er mit. Er zweifelt, er hat Angst. Er bittet sie: „Bleibt hier und wacht!“ – doch sie schaffen es nicht. Dreimal schlafen die drei ein. Eine bemerkenswerte Geschichte: die drei Jünger schlafen ein, obwohl Jesus sie bittet. Der Jesus, mit dem sie eng sind, als Freund, als Vorbild und Meister. Man sollte meinen, da klappt das. Tut es aber nicht. Stattdessen nimmt die Geschichte ihren Lauf: Sie kehren zu den anderen zurück. Jesus wird verraten, verhaftet, verurteilt, getötet.

Immer wieder gibt es in den Passionserzählungen diese Momente, in denen Menschen versagen – und dadurch die Geschichte ihren Lauf nehmen kann: Menschen, die Macht und Einfluss haben, Menschen am Rand und Menschen, die ihm nahestehen. Dass die Geschichte nicht mit dem Tod endet, sondern mit der Auferweckung Jesu „gut“ ausgeht, ist keine Rechtfertigung für das Versagen der Menschen auf dem Weg dorthin. Sie ist vielmehr die Verheißung, dass Gott auch in diesem Versagen und im Tod Leben schaffen kann und will. Beides gilt auch für uns. „Bleibt hier und wacht“ hören wir Jesus sagen. Lasst uns also wach sein, wachsam sein. Lasst uns darauf achtgeben, dass Jesu Worte und Taten aus uns und mit uns sprechen. Dass sich im Umgang mit den Menschen, in der Art und Weise, wie wir miteinander leben, zeigt, an wen wir glauben. Das ist keine Politik und schon gar keine Realpolitik – das ist christlicher Glaube mitten im Leben. Geschlafen wird später!

Pfarrer Christian Dierlich, Evangelische Kirchengemeinde St. Tönis