Herzlich willkommen zum Friedensgebet. Lassen Sie uns den Unfrieden der Welt vor Gott bringen. Den Schöpfer, der diese Welt gemacht hat, den Erlöser, der uns durch Jesus Christus von unserem begrenzten Denken und Handeln befreit, und die heilige Geistkraft, die uns hilft, die Welt zu einem etwas besseren Ort zu machen. Er sei in unserer Mitte. Amen.
Sorge machen der Welt aktuell die Angriffe der Ukraine auf russisches Territorium. Sie kann militärische Erfolge erzielen. „Wir machen Kriegsgefangene und hoffen, mit ihnen unsere Leute frei zu kriegen und eine gute Verhandlungsbasis zu schaffen für Verhandlungen zur Beendigung des Krieges.“ So der Präsident. Kann man das gut heißen oder sich gar darüber freuen, bei all der Zerstörung, die sie damit beim Feind anrichten und all den Toten?
Noch mehr ängstigt uns die Lage in Israel und Palästina. Gibt es da einen Flächenbrand? Ein Angriff aus dem Libanon auf Israel steht bevor. Die ganze Region ist in Aufruhr. Israel kämpft um seine Existenz und verfolgt gleichzeitig mit der Auslöschung der Hamas ein unerreichbares Ziel zu einem sehr, sehr hohen humanitären Preis, zum Unglück der Palästinenser und mit abnehmender Unterstützung der eigenen Bevölkerung. Wie viel mehr werden diese beiden Konflikte den Frieden bei uns noch gefährden? Wir wollen uns an den Gott des Friedens wenden, der uns Wege hin zum Frieden aufzeigt und uns zum Frieden fähig macht.

„Damit aus Fremden Freund werden“, lassen Sie uns das singen. (EG 674, 1-3)
Psalmgebet: Psalm 122
Lesung: Sach 8, 20-23 (zum Israel-Sonntag, 04.08.2024), Basisbibel
So spricht der Herr Zebaot:
Völker werden sich auf den Weg machen,
Einwohner großer Städte werden kommen.
Die einen werden zu den anderen sagen:
„Auf, lasst uns nach Jerusalem pilgern!
Wir wollen den Herrn durch Opfer gnädig stimmen.
Lasst uns den Herrn Zebaot aufsuchen.
Auch wir wollen hingehen.“
So werden viele Nationen kommen
und Menschen aus zahlreichen fremden Völkern.
Sie werden den Herrn Zebaot in Jerusalem aufsuchen
und den Herrn durch Opfer gnädig stimmen.
So spricht der Herr Zebaot:
Zu dieser Zeit werden zehn Männer kommen,
aus Völkern mit ganz verschiedenen Sprachen.
Sie greifen nach dem Mantelzipfel eines Mannes
aus dem jüdischen Volk.
Sie halten ihn fest und sagen: „Wir wollen mit euch gehen!
Denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist.“
Auslegung
Wir hören: Da greifen Männer nach dem Rockzipfel eines jüdischen Mannes, weil sie in ihm ihre Rettung sehen, er soll sie zu Gott führen. Sie haben gehört, dass Gott mit ihm und seinem Volk ist. Diesem Gott möchten sie auch begegnen. Aber ich habe noch die Bilder des 7. Oktober vor Augen. Wie palästinensische Terrorgruppen in einen Kibbuz einbrechen, wo ein ausgelassenes Fest gefeiert wird und sie greifen nach jungen Menschen, zerren sie an ihren Kleidern weg, um sie zu vergewaltigen, zu verschleppen, zu ermorden, sie zu schänden. Und sie schreien dabei: Ihr seid Gottlose. Es ist ein Gottesdienst für uns, Euch zu töten.
Wie weit hier Verheißung und Wirklichkeit auseinanderliegen!
Erschreckend setzt sich die Verfolgungsgeschichte des Gottesvolkes seit biblischer Zeit fort. Völker stürmen den heiligen Berg Zion, sie kommen, um den Tempel zu zerstören, den symbolischen Ort für die Gegenwart Gottes in der Welt. Immer wieder hat sich der Völkersturm gegen den Zion, gegen das Volk realisiert. Dabei verheißt Gott doch etwas ganz anderes: Die Völker werden aus allen Himmelsrichtungen zum Zion kommen und Gott suchen. Er soll sie umschulen, von Kriegsknechten zu Pazifisten und Friedensbringern machen. Sie greifen nach dem Rockzipfel des Gottesvolkes, weil es ihnen den Weg zu Gott zeigt, zum wahren Schalom, umfassendem Frieden.
Nur: Woran sollen die Völker eigentlich erkennen, dass Gott mit seinem Volk ist? Dass es sich lohnt sich an dessen Rockzipfel zu hängen? Was wir gerade realpolitisch erleben weist so gar nicht darauf hin. Bei Sacharja ist tatsächlich einiges genannt, ein paar Verse weiter vorne: Ja, ich will Jerusalem und dem Haus Juda Gutes tun. Also fürchtet euch nicht. Und: Sagt die Wahrheit, … liebt die Wahrheit und haltet Frieden, wenn ihr zu Gericht sitzt. Führt nichts Böses gegeneinander im Schilde, schwört keinen Meineid. (V. 16/17) Also Gott verspricht, bei seinem Volk zu sein, wenn sein Volk bei ihm bleibt und seinen Weisungen folgt. Verlässt Israel diesen Raum des Segens, begegnet es dem Fluch, so hat es schon Mose aufgeschrieben.
Ja, dass das alles Wirklichkeit wird, dass die Völker am Rockzipfel des Volkes Gottes hängen, das Ende der Feindschaft zwischen Juden und Nichtjuden, das Ende des Antisemitismus und ein erwähltes Volk Israel, das ohne Fehl und Tadel nach Gottes Weisungen handelt, das ist der Endzeit vorbehalten, wenn Gott alles in allem ist. Das Neue Testament hat allerdings die Vision, dass in einer christlichen Gemeinde, die ja seit Jesus von Nazareth auch zum Volk Gottes gehört, davon schon etwas aufleuchtet, als kleines Vorzeichen, wenn das in der unerlösten Welt, wie wir sie gerade erleben, so total unmöglich scheint. Aber es wäre doch schon mal was: Wenn von uns Christen überall und ausnahmslos ein klares Nein zum Antisemitismus zu hören ist, wie bei den Demos gegen Rechtsradikale. Wenn wir solidarisch sind mit dem jüdischen Volk und zum Einsatz für das Existenzrecht Israels stehen. Und wenn wir zugleich geschwisterlich daran erinnern und mahnen, dass Israel, wie auch die Kirche, zum Zeugnis für den gerechten und gnädigen Gott erwählt ist, dessen Gebote es befolgen soll und der es richten wird. Das kann dann nicht ohne Folgen bleiben. Es schreit nach mitmenschlichem Umgang mit den Palästinensern und danach, auch ihnen Existenzrecht und Lebensraum zu geben.
Ja, eine klare Weisung. Gebrochen durch die unerlöste Welt, die mit Terroristen in unsere Welt einbricht, die uns ihre Maßstäbe und Handlungsmaximen aufzwingen. Es gibt Zeiten im eigenen Leben und im Leben der Völker, wie gerade an vielen Stellen der Welt, in denen man sich in einem Dilemma wiederfindet oder auch in mehreren gleichzeitig. Wo man nicht klar sagen kann, was ist richtig, was falsch. Und wo man, egal was man tut, schuldig wird. Die Frage ist, ob wir das Schulter zuckend hinnehmen, oder ob uns das umtreibt und wir das klagend vor Gott bringen. Im Talmud (Sanhedrin 39b) gibt es eine wunderbare Passage, die beschreibt, wie Gott weint, wenn, damit sein Volk gerettet wird, andere seiner Geschöpfe sterben: Als Israel auf der Flucht vor seinen Unterdrückern durchs Meer zog und die Ägypter es nicht einholen konnten, wollten die Dienstengel vor dem Heiligen, gepriesen sei er, ein Jubellied anstimmen. Da sprach Gott zu ihnen: Das Werk meiner Hände ertrinkt im Meer und ihr wollt vor mir ein Jubellied anstimmen? – Gott freut sich nicht. Er hat geweint, sagt eine andere Stelle.
Über die eigene Rettung zu jubeln ist das eine. Aber zu jubeln, weil die anderen tot sind, ist nicht Gottes Sache. Was für eine Tragödie, wenn zur Rettung der einen, andere sterben müssen! So wie gegenwärtig. Gott weint.
Angesichts solcher Dilemmata und Ausweglosigkeiten wie wir sie heute im Nahen Osten und auch in der Ukraine erleben, angesichts von so viel Leid und Tod hilft es, den klaren Kompass der biblischen Botschaft nicht aus den Augen zu verlieren. Darauf zu hoffen, dass sich die erlöste Welt inmitten von so viel Unerlöstem und Grausamen Bahn bricht. Auch noch so kleine Zeichen der Hoffnung wahrzunehmen und selbst zu setzen. Immer wieder an die christliche Friedens- und Versöhnungsbotschaft zu erinnern. Da gibt es ja Projekte wie das Friedensprojekt „Zelt der Nationen“ in der Nähe von Bethlehem oder die „Oase des Friedens“, wo sich Juden, Muslime und Christen, Israelis und Palästinenser begegnen und sich verstehen lernen. Da treffen wir uns bei Friedensgebeten und bringen unsere Ohnmacht und unsere Trauer vor Gott. Wäre schön und so gut für unsere Seelen, wenn sich zu den grausamen Bildern aus der Ukraine und aus dem Nahen Osten dann auch Hoffnungsbilder gesellen wie das von den Männern aus fremden Völkern, die sich dem Volk Gottes an den Rockzipfel hängen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir haben gehört, dass Gott mit euch ist.
Lied: Es wird sein in den letzten Tagen (EG 426)
Kollektenansage: Aktion Medeor
Kyriegebet, dazw. „Hinneh ma tov uma najim“ – „Schön ist´s, wenn Brüder und Schwestern friedlich beisammen wohnen“ (Liedblatt)
Großer Gott, die Welt ist in Aufruhr. Alles scheint aus den Fugen, und vor dem, was kommt, sorgen sich viele. Schreckliche Bilder überfluten uns und brennen sich in unsere Seelen. Unsere Gespräche verlieren ihre Leichtigkeit. Unsere Worte werden auf Goldwaagen gelegt und bekommen ein Gewicht, wie wir es sonst nicht kennen. Der Wunsch, einander verstehen zu wollen, droht ständigen Verdächtigungen zu weichen, man könne es doch böse meinen. Wir brauchen deinen Geist. Der den Hass wegfegt, die Spreu vom Weizen trennt und durch alles hindurch deinen Lebensatem bläst, damit unser todverfallenes Leben heil werden kann. Lass uns nicht allein, wenn wir nach dem rechten Weg suchen. Wir singen:
Hinneh ma tov uma najim
Treuer Gott, zu dir rufen wir als deine erwählten Kinder und bitten um Frieden: um Frieden zwischen Ju-den, Christen und auch Muslimen, dass wir bereit sind, voneinander zu lernen; um Frieden für das Land der Verheißung, dass dort das Kämpfen und Zerstören, das Hungern und die Heimatlosigkeit ein Ende finden. Um Frieden in den Herzen derer, deren Leben versehrt wurde durch den Hass zwischen Christen und Juden und Muslimen. Wir singen:
Hinneh ma tov uma najim
Lebendiger Gott, zu dir rufen wir als deine erwählten Kinder und bitten um Freiheit: um Freiheit für alle, auf ihre Weise an dich zu glauben und deinen Ge-boten zu folgen. Um Freiheit im Land der Verheißung, dass die Angst dort vergehe, Mauern nieder-gerissen und Waffen abgelegt werden; um Freiheit in den Köpfen derer, deren Denken geprägt wurde durch den Hass zwischen Christen und Juden und Muslimen. Wir singen:
Hinneh ma tov uma najim
Allmächtiger Gott, zu dir rufen wir als deine erwählten Kinder und bitten um nicht weniger als ein Wunder: Um das Wunder, dass die Religionen und Konfessionen, die Völker und Saaten dieser Welt gemeinsam für den Frieden arbeiten und beten; um ein Wunder für das Land der Verheißung, dass dort Wohlergehen für alle möglich ist; um das Wunder, dass deine Kinder sich die Hand reichen, Christen und Juden und Muslime. Wir singen:
Hinneh ma tov uma najim
Vaterunser – Segen
Lied: Damit aus Fremden Freunde werden (EG 674, 4-6)
Superintendentin Dr. Barbara Schwahn
Musikalische Begleitung: Klaus-Norbert Kremers (inkl. Vor- und Nachspiel)
