Gedanken zum Pfingstfest als Fest der VIELFALT

Gedanken zum Pfingstfest als Fest der VIELFALT (Apostelgeschichte 2, 1-21)

Was ist an Pfingsten eigentlich geschehen? Nichts. Das war der Tenor eines Artikels von Lothar Schröder in der RP über die Notwendigkeit eines 2. Feiertages für das Pfingstfest. Mir geht es jetzt nicht um die Debatte über die 2. Feiertage. Aber, dass an Pfingsten nun nichts geschehen sei, das kann man wirklich nicht sagen. Im Gegenteil.

Vielfalt

An Pfingsten feiern wir etwas, was gerade in aller Munde ist, weil es heute genauso passieren müsste. In unseren Städten und in unseren Gemeinden, im ganzen Land:  Menschen unterschiedlicher Herkunft kommen zusammen in der Stadt, feiern miteinander, sprechen miteinander und erleben, sie verstehen sich, obwohl sie unterschiedliche Sprachen sprechen. Und die geschrumpfte christliche Gemeinde bleibt nicht in ihrem Kirchenraum und trauert darum, dass Jesus nicht mehr bei ihnen ist. Dass sie nur noch so wenige sind, sich seine Anhänger zerstreut haben. Nein, sie gehen raus, mischen sich unter das Völkergemisch und bezeugen mittenmang, was sie glauben. Mittendrin, so wie es die anderen auch tun. Jeder wird gehört und verstanden mit seiner Glaubensüberzeugung aus den unterschiedlichen Religionen und Kulturen. Sie hören einander offenbar zu, sonst wäre ihnen das ja gar nicht aufgefallen, dass sie einander nicht nur hören, sondern sogar verstehen. Und sie staunen und erleben, was sie nie gedacht hätten. Vielfalt, das ist damit gemeint.

Ach wäre es doch heute bei uns auch so. Statt dass jeder nur noch seine Meinung gelten lässt und sich im Internet nur noch in seiner Bubble bewegt, Menschen mit anderer Meinung gar nicht mehr zuhört. Statt dass Hass und Hetze gegen anders Glaubende, anders Denkenden, anders Liebende, anders Aussehende zunehmen in subtilen und ganz unverhohlen offenen Ausprägungen von Antisemitismus und Rassismus. Statt dass sich der Eindruck breit macht, nicht mehr alles sagen zu dürfen und vorschnell in eine der radikalen, undemokratischen Ecken gestellt zu werden, die leider zunehmen und mit ihnen die Befürchtung, dass solche Kräfte das Land in kürzester Zeit verändern. Mit menschenverachtenden Positionen, die eben nicht jeden Menschen für gleich wertvoll, mit gleicher Würde ausgestattet und mit gleicher Daseinsberechtigung ansehen. Und dann erst recht und wirklich nur noch eine gleichgeschaltete Meinung gelten lassen wollen.

Verständigungsorte

Ach wäre es doch heute bei uns überall auch so, dass die viel beschworene Vielfalt bei uns als Gewinn und Bereicherung erlebt wird statt als Bedrohung für das deutsche Volk. Dass interreligiöse Begegnung und Dialog ohne Angst vor Verlust des eigenen Glaubens und Schwächung der christlichen Religion in unserem Land stattfinden können. Dass sich Parteien miteinander auf Lösungen der gravierenden Probleme bei uns und in der Welt verständigen können, auch wenn sie aus unterschiedlichen Lagern kommen. Haben wir denn eine Alternative? Und wie kommen wir da hin? Wir brauchen Verständigungsorte, tönt es schon seit Längerem zu Recht von der Evangelischen Kirche in Deutschland in unsere Landeskirchen und Gemeinden. Gemeindehäuser, Kirchräume, in denen Menschen offen ihre Meinung äußern können, ohne sofort ausgebuht zu werden. In denen man zuhört und andere Meinungen stehen bleiben können. In denen man sich in angemessener Form darüber verständigt, wo auch Grenzen dessen sind, was sagbar ist, weil demokratische Werte und Werte einer offenen Gesellschaft und das christliche Menschenbild verletzt werden. Mit der Initiative #VerständigungsOrte schaffen Kirche und Diakonie Raum für ehrlichen Dialog. #VerständigungsOrte sind Orte zum Reden und Zuhören, entspannen verhärtete Fronten, weiten den Blick und lassen auch mal in die Schuhe der anderen schlüpfen – für mehr Verständnis und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Ich bin nicht sicher, ob uns das bisher an vielen Stellen gelungen ist innerhalb unserer Kirchenmauern.

Es wird uns hoffentlich gelingen beim Deutschen Ev. Kirchentag im nächsten Jahr in Düsseldorf. Ich glaube, wir brauchen aber noch mehr davon auch in unseren Gemeinden und Regionen.

Der Geist

Nun ist das ja an Pfingsten nicht einfach so geschehen. Und auch heute entsteht Verständnis füreinander, Verständigung untereinander nicht einfach so aus dem Nichts. Es braucht einen Geist, einen besonderen, einen christlichen, den Heiligen Geist. Den Geist der Wahrheit besingen wir an Pfingsten. Während der Corona-Zeit hing an geschlossenen Kirchen gerne der Bibelvers: Gott hat uns nicht einen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1, 7)

Den können wir gut gebrauchen, gerade in der heutigen Lage in unserer Kirche und in der Gesellschaft. Aber wir können ihn nicht aus uns hervorrufen. Er weht wo er will, (Joh 3, 8) Er wird uns von Gott geschenkt. Er treibt uns an, rauszugehen, aktiv zu werden, Meinung zu machen, zu sagen und zu zeigen, was wir glauben, wie wir den Menschen sehen, was uns wichtig ist. Und wo da ein Gedanke zündet, wo wir da erleben, dass Kommunikation gelingt, dass Menschen sich verstehen, da ist der Geist. Da wird es Pfingsten, auch in anderen Momenten im Kirchenjahr. Mein Pfingsterlebnis der letzten Jahre war am 25.5.25. Das weiß ich so genau, weil an diesem „Schnapszahldatum“ in Krefeld die Aktion „Einfach heiraten“ stattfand. Da konnten Paare spontan in die Friedenskirche kommen und sich segnen oder richtig trauen lassen. Es war beglückend, wie wir Pfarrpersonen da gemeinsam agiert haben und noch geistreicher und eindrücklicher die Gespräche, in denen die Paare erzählt haben, was ihnen dieser Segen bedeutet. Da war wirklich der Geist mittenmang dabei. Dass er da so gewirkt hat, konnten wir nicht machen, wir haben nur den Rahmen geschaffen, ihm Gelegenheit gegeben zu wirken. Das nächste Mal tun wir das am 26.6.26. Ich bin gespannt, ob das dann auch so geistreich wird wie beim ersten Mal.

Und was war Ihr schönstes Pfingsterlebnis?

Ich wünsche uns viele geistreiche Momente bis zum nächsten Pfingstfest und so an vielen Orten etwas passiert.

  • Barbara Schwahn, Dr. (Superintendentin)