aus Anlass des Jahrestages des Angriffs auf Israel am 7. Oktober 2023
05. Oktober in der Alten Kirche Krefeld
Die Erinnerung an den 7. Oktober 2023 ist mit Trauer und Entsetzen verbunden. Unendliches Leid hat das Leben der Menschen in Israel, in Gaza, im Westjordanland und im Libanon seither völlig verändert. Die Hoffnung auf Frieden und ein Ende der Gewalt nach einem Jahr, geprägt von Terror und Krieg, fehlt. Niemand weiß, was kommen wird und wie das Leben sich im Nahen Osten in Zukunft gestalten wird. Hass und Gewalt haben das Vertrauen der Menschen zueinander zerstört.
So bitten wir Gott gemeinsam um Frieden für die Menschen in Israel und Palästina und der ganzen Region, in der sich der Krieg immer weiter ausbreitet, verbinden uns mit ihrer Trauer und der Trauer von Angehörigen auch in unserem Land um die vielen Menschen, die in diesem endlos erscheinenden Konflikt ihr Leben verloren haben.
Mögen unser Gebet Trost und Hoffnung schenken, die Sehnsucht nach Frieden stärken und unsere Verbundenheit mit den Menschen in Israel und Palästina und im Nahen Osten zum Ausdruck bringen. Möge es ein Zeichen gegen Hass und Gewalt auch hier bei uns sein.
Gemeinsam wollen wir Gott anrufen und um heilendes Wirken und um die Kraft der Versöhnung bitten, die wir so dringend brauchen.
Singen wir zu Beginn:
LIED: EG 382, 1-3 „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr…“
In Gesprächen mit Menschen aus Israel und Palästina hören wir immer wieder, dass es ein Eingreifen „von oben“ und viele menschliche Gebete braucht, um die anhaltende Gewalteskalation, die so viele Opfer gefordert hat, zu beenden. Diese Bitte finden wir schon vor langer Zeit im Buch Jesaja formuliert:
„Ach, dass du den Himmel zerrissest
und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen.“ (Jes. 63,19b)
KLAGERUF
Ein Jahr ist vergangen. Die Gewalt ist geblieben und weitet sich aus.
Wir sind betroffen von so viel Leid und Tod und Zerstörung.
Kaum zu ermessen ist, was Menschen in Israel und Palästina, im Libanon und in der ganzen Region wie auch die Angehörigen in unserem Land, in unser Stadt zu tragen haben:
Trauer, Angst, Verzweiflung und Bitterkeit.
Seit 365 langen Tagen dreht sich am Montag die Spirale der Gewalt, reißt Menschenleben mit.
Unaussprechlich ist, was Menschen durch sie erleben und erleiden.
Gott, die Eskalation der Gewalt und das Leid so vieler Menschen bringen wir als Klage vor dich:
„Ach, dass du den Himmel zerrissest
und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen.“ (Jes. 63,19b)
Ein Jahr ist vergangen. Die Gewalt ist geblieben.
Der 7. Oktober:
Ein terroristischer Angriff der Hamas,
Geiselnahmen, Folter, Vergewaltigung und Mord.
Israels militärische Reaktion – unzählige zivile Opfer.
Seither herrscht die Gewalt.
Immer noch sind so viele Geiseln in der Hand der Hamas.
Menschen tragen Gewalt hin zu Menschen.
Die Gewalt unterscheidet nicht.
Straßen, Häuser, Schulen, Krankenhäuser – überall breitet sie sich aus.
Gott, die Eskalation der Gewalt und das Leid so vieler Menschen bringen wir als Klage vor dich:
„Ach, dass du den Himmel zerrissest
und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen.“ (Jes. 63,19b)
Ein Jahr ist vergangen. Die Gewalt ist geblieben.
Wir sehen Bilder zerstörter Häuser, Berge von Asche und Schutt.
Wir sehen Bilder zerstörter Menschenleben.
Wir hören Stimmen der Not.
Wir hören Stimmen der Trauer.
Wir hören Stimmen der Verzweiflung.
Stimmen so vieler Menschen erklingen aus der Tiefe ihrer verwundeten Herzen.
Sie verklingen vor den Ohren verhärteter Herzen.
Gott, die Eskalation der Gewalt und das Leid so vieler Menschen bringen wir als Klage vor dich:
„Ach, dass du den Himmel zerrissest
und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen.“ (Jes. 63,19b)
Ein Jahr ist vergangen. Die Gewalt ist geblieben.
Wer jagt sie endlich fort?
Wann hören Menschen endlich auf, sie zu üben?
Woher kommen die Worte, woher die Zeichen,
die Wege zum Frieden weisen?
die Recht schaffen und Gerechtigkeit suchen?
die Orte der Versöhnung öffnen?
die Leben in einem neuen Miteinander verheißen?
Wir sehnen sie herbei,
für alle Menschen, die unter Krieg und Gewalt leiden.
Gott, die Eskalation der Gewalt und das Leid so vieler Menschen bringen wir als Klage vor dich:
„Ach, dass du den Himmel zerrissest
und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen.“ (Jes. 63,19b)
KYRIE-RUF
- Gesangbuch 178.11: „Herr, erbarme dich, erbarme dich. Herr, erbarme dich, Herr, erbarme dich.“
BIBLISCHE LESUNG
1. Mose 33, 1-16: Jakobs Versöhnung mit Esau
STIMMEN AUS ISRAEL UND PALÄSTINA:
Bischof Sani-Ibrahim Azar, Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und im Heiligen Land (ELCJHL), Vortrag beim 111. Jahresfest des Jerusalemvereins am 11.2.2024 in Berlin:
(Fr. Schmidt) „Ich möchte keine Trennung haben. Ich möchte gemeinsam in Israel und Palästina leben, als Juden und Palästinenser. Das Land ist groß genug für uns alle … Wir brauchen viel Gebet dafür, dass endlich die Augen aufgetan werden nach diesem Krieg.“
Kardinal Pierbattista Pizzaballa (OFM), Lateinischer Patriarch von Jerusalem, Auszüge aus einem Interview mit den vatikanischen Medien am 26.6.2024, veröffentlicht unter VATICAN NEWS:
(Fr. Schmidt) „Der Moment ist sehr schmerzhaft, wir durchleben eine sehr lange Nacht. Aber wir wissen auch, dass Nächte enden werden. Dies ist der Moment, in dem die Kirche mit all jenen zusammenarbeiten muss, die bereit sind, etwas Schönes und Gutes zu tun…
Zum jetzigen Zeitpunkt Frieden zu schaffen, scheint ein fernes Ziel zu sein. Im Moment muss die Politik, die internationale Gemeinschaft, vor allem daran arbeiten, den Konflikt zu beenden. Die internationale Gemeinschaft muss einen Weg finden, um Israel und die Hamas dazu zu bringen, den Konflikt zu beenden und zu einem Waffenstillstand zu kommen, der einen ersten Schritt zu etwas Substanziellerem, Soliderem und Stabilerem darstellt.“
Dr. Sarah Bernstein, Direktorin des Rossing Centers in Jerusalem, Blog-Text “Der gemeinsame Schmerz der Menschen, die im Feuergefecht gefangen sind”, 14.12.2023:
(F. Schöller) „Dennoch müssen wir selbst in diesem intensiven Zustand der Angst und Beklemmung die Stärke und Menschlichkeit aufbringen, um mit den unschuldigen Menschen auf der anderen Seite mitfühlend zu sein. Kinder, die oft als die ‚unschuldigen Opfer‘ des Krieges bezeichnet werden, erleben die Gräuel, die sich um sie herum abspielen. In Israel und Palästina sind Generationen von Kindern inmitten des Konflikts aufgewachsen und mit der harten Realität von Gewalt, Verlust und Vertreibung konfrontiert. Unabhängig davon, auf welcher Seite sie sich befinden, sollten diese jungen Seelen die Verkörperung von Hoffnung, Potenzial und dem Versprechen einer glücklicheren Zukunft sein. Stattdessen erleben wir, wie die Überlebenden durch Ereignisse, die sie niemals hätten erleben oder ertragen müssen, gezeichnet werden. Wie können wir verhindern, dass diese Narben zu dauerhaftem Hass werden, der nur zu noch mehr Gewalt und Krieg führen wird? Ist das die Zukunft, die wir für unsere Kinder wollen?
Die Bilder von leidenden Kindern in Gaza oder in Israel sollten nicht nur durch die Linse der nationalen Zugehörigkeit oder der politischen Zugehörigkeit gesehen werden. Vielmehr sollten sie die kollektive Empathie wecken, die uns allen innewohnt. Mitgefühl ist kein Nullsummenspiel; es wird nicht dadurch geschmälert, dass man es auf diejenigen ausdehnt, die als die ‚Anderen‘ wahrgenommen werden könnten. Vielmehr ist wahres Mitgefühl grenzenlos und schließt alle ein, die leiden, unabhängig von ihrer Nationalität oder Herkunft.
Mitgefühl sollte eine universelle Macht sein, die die Grenzen des Konflikts überschreitet und uns auffordert, andere Handlungsmöglichkeiten in Betracht zu ziehen. In Zeiten des Krieges ist das Mitgefühl für die Kinder und unschuldigen Zivilisten auf der Seite des ‚Feindes‘ kein Nachgeben, sondern ein Zeugnis unserer gemeinsamen Menschlichkeit. Und es ist diese gemeinsame Menschlichkeit, die uns antreiben sollte, einen anderen Weg zu suchen. Sicherlich können wir einsehen, dass wir alle wollen, dass unsere Kinder heranwachsen und ein erfülltes und erstrebenswertes Leben führen. Können wir nicht gemeinsam daran arbeiten, dass dies möglich wird?
Wir könnten damit anfangen, alles in unserer Macht Stehende zu tun, um die Kämpfe zu beenden, die Geiseln nach Hause zu bringen – zurück zu ihren Familien, zurück zu ihren Lieben – und beginnen, das Leiden der Menschen in Gaza zu lindern. Vielleicht können wir dann gemeinsam mit Verbündeten auf der ganzen Welt die gewaltige Aufgabe angehen, Alternativen zur Gewalt zu finden.
Im Hinblick auf Israel und Palästina ist Mitgefühl nicht gleichbedeutend mit der Bevorzugung eines bestimmten politischen Standpunkts gegenüber einem anderen. Es ist eine Anerkennung des geteilten Schmerzes und des Traumas, das normale Menschen im Feuergefecht erleben. Indem wir die Menschenwürde der Kinder auf der Seite des ‚Feindes‘ anerkennen, untergraben wir die Entmenschlichung, die oft mit langwierigen Konflikten einhergeht und diese verlängert, und fördern so ein Klima, in dem Dialog und andere Lösungen möglich werden.
…möge das Mitgefühl zu einem Leuchtfeuer werden, das die Dunkelheit des Hasses und der Zerrissenheit durchdringt. Möge es eine Kraft sein, die verbindet, statt zu trennen, und ein Hoffnungsschimmer für eine Zukunft sein, in der Frieden nicht nur ein ferner Traum, sondern eine spürbare Realität ist.“ [Eigene deutsche Übersetzung]
Quelle: https://blogs.timesofisrael.com/compassion-amidst-conflict/
MOMENT DER STILLE
LIED: Evangelisches Gesangbuch 651: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt…“
FÜRBITTENGEBET
Lasst uns beten:
Ewiger und barmherziger Gott, ein Jahr schrecklichen Terrors und Krieges ist vergangen, ohne, dass es uns Menschen gelungen ist, den Terror zu beenden, die Waffen zum Schweigen zu bringen und die anhaltende Gewalt zu stoppen.
Deshalb kommen wir zu Dir, um Dich gemeinsam anzurufen und um Frieden zu beten für die Menschen in Israel, in Gaza, im Westjordanland und im Libanon.
Wir bitten Dich, lass nicht zu, dass wir Menschen unfähig werden zum Frieden. Auch in unserer Gesellschaft haben Bedrohung, Angst und Hass zugenommen. Menschen jüdischen Glaubens fühlen sich nicht mehr sicher. Auch Menschen muslimischen Glaubens erfahren Anfeindung und Ablehnung. Lass uns erkennen, dass wir alle nach Deinem Bild geschaffen sind und dass Du uns als Juden, Christen und Muslime zum Frieden rufst.
Gott, wir bitten Dich: Zeige uns den Weg zum Frieden.
Gott des Lebens, vor einem Jahr wurden Menschen in Israel in grauenvoller Weise angegriffen und getötet, andere als Geiseln brutal verschleppt. Die Bilder lassen uns nicht los und die Trauer und der Schock sitzen tief. Wir bitten Dich für die Angehörigen der Opfer in Israel und auch für die Angehörigen der getöteten Geiseln, die vergeblich auf ein Wiedersehen gehofft hatten. Stehe ihnen allen bei und tröste sie. Noch immer bangen Menschen, die als Geiseln gefangen sind, darum, endlich frei gelassen zu werden. Wir flehen Dich an, schenke ihnen die Freiheit wieder und lass sie bald bei ihren Familien sein. (Fr. Schmidt)
Gott, wir bitten Dich: Zeige uns den Weg zum Frieden.
Du Gott, der Du uns das Leben und Deine Versöhnung geschenkt hast, führe zur Umkehr die politisch Verantwortlichen, die Deine Gebote missachten und sich auf den Weg des Hasses und der Gewalt begeben haben. Führe auch uns zur Umkehr, wo wir nicht nach Deinem Willen gehandelt haben. Schaffe in unserer Welt den Raum, innezuhalten und unsere Menschlichkeit, die in Dir ihren Grund hat, wieder zu entdecken. (F. Schöller)
Wir bitten Dich, überwinde den Hass, der Menschen voneinander trennt, der das Vertrauen zwischen Völkern zerstört hat und den Nahen Osten immer stärker in den Krieg treibt. Stärke diejenigen, die vor einer weiteren Eskalation warnen und auf eine politische Lösung drängen. Ermutige politisch Verantwortliche auf beiden Seiten, den Weg zum Frieden zu suchen und zu wagen.
Gott, wir bitten Dich: Zeige uns den Weg zum Frieden.
Gott unseres Lebens, wir bitten Dich um Schutz für die Menschen in den Kriegsgebieten, besonders in Gaza, im Westjordanland und im Libanon. Stärke alle Bemühungen, den Menschen zu helfen, die unter Hunger, Durst und mangelnder medizinischer Versorgung leiden. Lass die Aufrufe der Hilfsorganisationen nicht ungehört verhallen, die um weltweite Unterstützung bitten und daran erinnern, wie dramatisch die humanitäre Situation der Menschen in dieser Region ist. (B. Schwahn)
Wir bitten Dich besonders für die Kinder und Jugendlichen, deren Kindheit zerstört wurde, die ihre Eltern verloren haben. Bewahre sie vor weiteren Gefahren und lass sie Menschen finden, denen sie jetzt vertrauen können.
Wir bitten Dich für alle Menschen, besonders für Kinder, Mädchen und Frauen, die durch Terror und Krieg sexuelle Misshandlungen erfahren haben. Lass sie die Hilfe und den Trost finden, den sie jetzt brauchen und stehe denen bei, die ihnen zu helfen versuchen.
Gott, wir bitten Dich: Zeige uns den Weg zum Frieden.
Gott unser Schöpfer, Du hast Deine Welt zum Guten hin geschaffen. Zeige uns den Weg aus der Dunkelheit in das Licht. Besonders bitten wir Dich, stärke und erneuere unsere Verbundenheit mit den Menschen in Israel und Palästina, mit dem jüdischen Volk und mit unseren christlichen Geschwistern im Nahen Osten, die in der aktuellen Situation Anfeindungen von verschiedenen Seiten erfahren. Lass uns nicht aufhören für sie und für alle Menschen in Israel, in Gaza, im Westjordanland, im Libanon und im ganzen Nahen Osten zu beten und sie nach unseren Möglichkeiten zu unterstützen. (Fr. Schmidt)
Gott, wir bitten Dich: Zeige uns den Weg zum Frieden.
Gemeinsam rufen wir Dich an und sprechen:
VATER UNSER
KOLLEKTENVORSCHLÄGE ZUR UNTERSTÜTZUNG VON BILDUNG
FÜR KINDER UND JUGENDLICHE
- Leo-Baeck-Education-Center (LBEC), Haifa
Das Leo-Baeck-Education-Center ist eine liberal-jüdische Bildungseinrichtung, die sich für die Gleichberechtigung aller Bürger in Israel einsetzt, unabhängig von Religion oder ethnischer Zugehörigkeit. Ihre Schulen, die von der Vorschule bis zur 12. Klasse reichen, besuchen, jüdisch-israelische wie auch arabische und drusische Schülerinnen und Schüler.
Spendenkonto:
Leo Baeck Education Center LTD
Derech Tzarfat Haifa 3543624 90
IBAN: IL42 0176 5000 0001 2034 330
BIC CODE: BARDILIT
Bank Name: Mercantile Discount Bank LTD
Bank Number: 0017
Branch Number: 0650
LIED: Evangelisches Gesangbuch 170: „Komm, Herr, segne uns…“
SEGEN
Möge Gottes Segen alle Menschen erreichen, als Stärkung für ihr Leben, als Licht in der Dunkelheit und Angst ihrer Tage, als Hoffnung für einen Neubeginn, als Heilung für ihre verletzten Seelen.
Gott segne und behüte euch.
Gott lasse leuchten sein Licht unter euch.
Gott wende euch sein Angesicht zu und stärke euch zum Frieden.
Das schenke euch und allen Menschen, an die wir heute im Gebet denken, der ewige und barmherzige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist.
Amen.
