Predigt bei der Kreissynode am 15.6.24

zu Apg 1, 3-11 

So kann es gehen liebe Synodengemeinde, wie in dem Lied: En elle muelle de San Blas der Popgruppe Maná, übersetzt „Im Hafen von San Blas“. Es ist die wahre Geschichte von Rebeca Méndez Jímenez:

Sie verabschiedete sich von ihrem Liebsten, er ging an Bord, am Hafen von San Blas. Er schwor zurückzukommen und nass vor Tränen schwor sie, auf ihn zu warten. Tausende Monde vergingen und Abend für Abend stand sie am Hafen – wartend.

Und diese Abende setzten sich in ihrem Haar fest, zeichneten sich um ihre Lippen ab. Sie trug immer das gleiche Kleid, damit er sie nicht verwechseln würde, wenn er wiederkäme. Die Krebse bissen sie, ihre Kleidung, ihre Traurigkeit und ihre Illusion. Und die Zeit verging. Ihre Augen füllten sich mit all den Sonnenaufgängen, und sie verliebte sich in das Meer und ihr Körper verwurzelte sich an dem Hafen.

Hier der Liedtext und Frau Hollinger spielt im Hintergrund die Melodie:

(Frau Hollinger spielt die Melodie im Hintergrund)

Allein, allein im Vergessen;

Allein, allein mit ihrer Seele,

allein, allein mit ihrer Liebe, dem Meer,

allein, allein im Hafen von San Blas.

Ihre Haare waren schlohweiß geworden,

aber kein Schiff brachte ihr den Liebsten zurück.

Die Leute im Dorf nannten sie die Verrückte vom Hafen von San Blas. Und an einem Nachmittag im April versuchte man, sie in eine Heilanstalt zu bringen, doch niemand konnte sie fortbewegen. Und so trennte man sie niemals vom Meer.

Allein, allein im Vergessen,

Allein, allein mit ihrer Seele,

allein, allein mit ihrer Liebe, dem Meer,

allein, allein im Hafen von San Blas.

Sie blieb, sie blieb…

Allein, allein, sie blieb, sie blieb

Mit der Sonne und mit dem Meer.

Sie blieb dort, sie blieb bis zum Ende.

Sie blieb dort, sie blieb im Hafen von San Blas.

Allein, allein blieb sie…

Ganze 41 Jahre wartete Rebeca Méndez Jímenez am Hafen auf ihren Liebsten. Bis sie dort in Liebe erstarrt starb. Sie wurde 63 Jahre alt. Der Gemeinderat von San Blas ließ zu Ihrem Gedenken am Hafen eine Statue errichten. Bei der Einweihung sangen Maná das eigens dafür komponierte Lied.

Was wäre gewesen, wenn es jemandem gelungen wäre, die vor Jahrzehnten noch so junge Frau auf den Boden der Tatsachen zu holen? Gar nicht auszumalen, wieviel Glück sie noch hätte erleben können, anstatt der verlorenen Liebe nachzutrauern. Sie hätte sicher ein neues Leben, eine neue Liebe gefunden. Jenseits der Trauer und des Abschiedsschmerzes. Aber so ist es nie gekommen.

Was Lukas zu Papier gebracht hat zur Himmelfahrt Jesu, was wir vorhin gehört haben, für mich ähnelt das der Geschichte von Rebeca Méndez Jímenez, nur mit einem Happy End. Auch die Jünger Jesu schauten erstarrt in den Himmel. Ihnen, seinen engsten Vertrauten, war nochmal eine Art Nachspielzeit geschenkt worden. 40 Tage lang, nachdem er schon tot war, in denen –wie so oft auch im Fußball- Entscheidendes geschehen ist. An seinem Todestag hatten sich die Menschen schon abgewandt, die ihm vorher zugehört hatten, wenn sie mit ihm durchs Land gezogen waren. Seine Anhängerschaft war in Auflösung begriffen. Aber Ihnen, den Jüngern, ist Jesus wieder begegnet. Er hat ihnen gezeigt: „Ich bin nicht tot, ich bin bei euch.“ Heute wissen wir, ohne diese Begegnungen nach dem Tod Jesu, würde es uns Christen gar nicht geben. Und dann. Für die Jünger damals ist er dann erstmal endgültig weg. Der Abpfiff verändert alles. Keiner mehr, der vorneweg geht in vertrauter Manier, der ihrem Leben Sinn und Halt und Struktur gibt. Was er ihnen über den Glauben erzählt hat, wie er ihnen vorgelebt hat, was Nächstenliebe heißt, das ist alles nicht mehr. Gewohntes, Vertrautes weg.

Aber sie bleiben nicht auf dem Ölberg. Erstarrt in Trauer, Enttäuschung, vielleicht auch Wut. Sie setzen sich in Bewegung nach Jerusalem und beginnen ein neues Leben. Und das nicht aus eigener Kraft. Weil sie so optimistisch waren oder lebensfroh oder stark im Glauben. Sie erleben, was Jesus ihnen versprochen hat: „Wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt, werdet ihr Kraft empfangen: Dann werdet ihr meine Zeugen sein- in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und bis ans Ende der Erde.“ (Apg 1, 8) Nochmal 10 Tage später, an Pfingsten, ist der Geist tatsächlich gekommen und wir wissen aus der Apostelgeschichte, wie die Apostel von ihm bewegt wurden und die Liebe Gottes weitergetragen haben in die Welt hinein bis zu uns heute.

Wie gut, dass die Jünger Jesu nicht wie angewurzelt auf dem Ölberg stehengeblieben sind. Außer einem Denkmal vielleicht wäre sonst nichts mehr von ihnen zu sehen gewesen. Und, wie gesagt, es hätte die weltweite Christenheit nie gegeben.

Und wie ist es mit uns? Wie machen wir´s? Wie Rebeca oder wie die Anhänger Jesu einstmals?

Bleiben wir erstarrt an unseren heiligen Orten, zunehmend an Orten des Abschiednehmens, versunken in Erinnerung an vergangene Zeiten, erfüllt von der Sehnsucht, es möge doch alles wieder so werden wie früher, wie es vielleicht nie war? Sind wir so, wie wir es selbstkritisch in dem alten Schmankerl „Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt“, singen: Das Schiff, das sich Gemeinde nennt, liegt oft im Hafen fest, weil sich´s in Sicherheit und Ruh bequemer leben lässt. Man sonnt sich gern im alten Glanz vergangener Herrlichkeit und ist doch heute für den Ruf zur Ausfahrt nicht bereit“? Wenn das der Fall wäre, dann setzt man uns demnächst auch ein Denkmal dafür, das wir so lange drangeblieben sind, unsere Traditionen fortgeführt haben, mit ihnen einst die Gesellschaft geprägt haben. Und unsere Kirchen werden zu reinen Denkmälern von historischer Bedeutung.

Präses Latzel hat vor kurzem gesagt, die Himmelfahrtserzählung lädt uns ein, erwachsen zu glauben. Unseren Glauben und unser Christ sein nicht zu stützen auf äußere Rahmenbedingungen und darauf, dass alles in bekannten Bahnen läuft oder uns jemand an die Hand nimmt. Vielmehr in unserem Christsein auf den Geist zu bauen, der in uns wirkt und uns in Bewegung setzt. Aus der alten Zeit in eine neue. Der uns auch auf neue Wege führt.

Wir sind nicht allein gelassen. Der Geist ist da. Und wie die Jünger an Himmelfahrt nach dem ersten Schock freudig auseinandergegangen sind, weil ihnen der Geist versprochen wurde, dürfen auch wir uns über diese Art der Gegenwart Gottes gerade in dieser Zeitenwende auch bei Kirchens freuen. An vielen Stellen kann man das spüren, wes Geistes Kind wir sind. Da, wo Leben pulsiert. In den Gemeindeberichten für die Synode ist davon manches zu finden oder in den Gemeindebriefen. Und natürlich auch live. Da, wo Menschen so als Christen miteinander leben und feiern, wie es für sie heute passt. Sie tun das, wofür sie brennen, mit anderen und für andere. Nehmen Sie nur die vielen Gottesdienste mit anschließendem gemeinsamem Essen. Die boomen. Kein Wunder. Das hat schon bei den ersten Christen funktioniert. Oder nehmen Sie die ökumenischen Orte, die an verschiedenen Stellen entstehen. Die gemeinsam genutzten Kirchen und Gemeindehäuser in Gartenstadt und Bracht und Vorst und Hüls, wo auch gemeinsam der Glaube gefeiert wird.

Pfingsten ist geschehen. Die Geistkraft Gottes ist in der Welt. Wir leben eindeutig nach Pfingsten, nicht nur im Kirchenjahr, überhaupt. Lassen wir uns von diesem Geist verändern. Zuallererst in uns. Unserer Seele, unserem Herzen, unserem Verstand. Und dann: Lassen wir uns von Gottes Geist in Bewegung setzen. Wie die Jünger rausgehen, uns den Menschen draußen zuwenden, Ihnen von der guten Botschaft erzählen, so wie sie es heute verstehen. Und wo der Geist mittendrin ist, werden sie uns zuhören und verstehen.

Ich weiß und das vergesse ich nicht bei allem Nachdenken über notwendige Veränderungen: Unsere Gewohnheiten, das Althergebrachte sind für viele von uns wichtig und geben Heimat. Geben Halt. Und wir trauern und es schmerzt, wenn wir von ihnen mancherorts Abschied nehmen sollen. Und zugleich sind sie eben nicht das eigentliche und können und müssen sich manchmal eben auch verändern. Das Denkmal von San Blas erinnert daran, was nur noch bleibt, wenn ein Mensch in seiner Vergangenheit erstarrt.

Zum Schluss noch eine Geschichte aus dem wahren Leben, wie es auch in der Gegenwart so wie an Himmelfahrt gehen kann, wo der Geist Regie führt, anders als bei Rebeca. Ich habe davon einen Bericht im Fernsehen gesehen: Von den Eltern von Johanna, die beim Hochwasser im Ahrtal ums Leben gekommen ist. Inka und Ralf Orth. Zuletzt hatten sie in der Flutnacht telefonischen Kontakt zu ihrer Tochter, als das Wasser ihr in der Wohnung in Bad Neuenahr schon bis zu den Knien stand. Panisch und ohne Erfolg habe sie versucht, aus der Wohnung zu kommen, bis auf einmal alles still war. 22 Jahre wurde die gelernte Bäckerin und Konditorin alt. Zufällig so alt, wie Rebeca war, als sie ihren Liebsten hat ziehen lassen. Johanna hatte erst seit kurzem einen Freund und einen großen Traum: ein eigenes Café in Bad Neuenahr zu eröffnen, das nach ihrer Oma Café Marlies heißen sollte. Nach zwei Tagen voller Ungewissheit, ob Johanna doch noch lebt, hatten die Eltern die Gewissheit: Sie wird nicht wiederkommen, sie ist tot. Zunächst haben sie ihr breites soziales Engagement aufgegeben, enttäuscht und wütend darüber, dass die Menschen an der Ahr nicht gerettet wurden. Erstarrt in der Trauer um ihr verlorenes geliebtes Kind. Aber dann wollten sie nicht in der Trauer über den unschätzbaren Verlust erstarren. Sie wollten, dass das Leben weitergeht, ihre Liebe weiter Raum findet. Dass es so weiter geht, wie Johanna es sich vorgestellt hat. In Bad Neuenahr ging das noch nicht. Da ist der Wiederaufbau noch lange nicht fertig. So haben sie in einem alten Kakaospeicher in Hamburg die Patisserie „Johanna“ eröffnet, mit Rezepten von Johanna und ganz nach deren Vorstellungen. Mittendrin erinnert eine große goldene Messing-Büste an Johanna. Die Eltern sagen, es sei für sie Teil eines Heilungsprozesses gewesen, Johannas Traum etwas verändert zu verwirklichen, damit sie so unter ihnen weiterlebt. Sie haben es geschafft, dass trotz des und mit dem Trennungsschmerz das Leben weitergeht und ihre Liebe zur Tochter weiterlebt. Wenn da nicht der Geist wirkt und Zukunft aufblüht? Amen.

Der Friede Gottes der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne mithilfe des heiligen Geistes in Christus Jesus. Amen.