„Unser täglich Brot gib uns heute! Oder kleine Brötchen?“

Schlagzeilen der letzten Wochen lauteten:
„Trotz Rekordernte steigen die Brotpreise“
„Getreideerträge in NRW hoch, Qualität schlecht. Importierter Weizen muss beigemischt werden.“
„Gaspreise steigen, Bäcker vor Insolvenz“.
„Landwirte am Niederrhein dürfen nicht mehr sprit-zen. Ertragseinbußen im Obstbau“.

„Kartoffeln geklaut“. Da hat ein Junge in Anrath-Vorst ein Versuchsfeld mit Kartoffeln angelegt und möchte damit bei Jugend forscht mitmachen und 15 Reihen Kartoffeln werden ihm geklaut, einfach so ausgegraben. Früher hätte man sich das nicht getraut. Oder war da jemand wirklich in Not? – Verrückte Welt. Eigentlich sind wir ja save in Deutschland, haben wir bisher gedacht. Wir haben Landwirtschaft im eigenen Land, alles, was wir zum Leben brauchen –unser täglich Brot- wächst im Grunde bei uns, auf den Feldern oder im eigenen Garten. Das Klima stimmte bisher im Großen und Ganzen, mal ein trockeneres, mal ein kälteres oder nasseres Jahr mit schlechteren Ernten und finanziellen Einbußen, aber es ist immer noch allemal genug da gewesen. Die Landwirtschaft passt sich an den Klimawandel an mit dem Anbau anderer Sorten. Und weiterverarbeiten können wir bisher das Getreide auch zu Mehl und Brot. Und mit Produkten aus aller Welt bereichern wir das Angebot. Äpfel kommen nicht nur aus unserer Region hier am Niederrhein, gerne auch aus Frankreich, aus Südtirol oder gar aus Chile oder aus Neuseeland.

Und jetzt – sorgen gleich mehrere Krisen dafür, dass das alles nicht mehr so funktioniert. Dass ganze Produktionszweige ins Schleudern kommen. Dieses Jahr war die Hitze zu extrem und dazu noch die Energiekrise, die die Produktionskosten und damit auch die Preise explodieren lässt. Und die Probleme mit den Lieferketten. Regale bleiben leer, die Produktion steht still. Und lange nicht mehr alle können sich einfach so alles leisten wie vorher. Aber wem sag ich das, es ist überall zu hören und zu lesen und vor allem von uns selbst zu spüren.

Heute an Erntedank ein Gedanke dazu, was das jetzt heißt. Wie mit der Situation umgehen? `Not lehrt beten´ kommt mir da als erstes in den Sinn. Die Vater unser-Bitte: `Unser täglich Brot gib uns heute` ist aktueller denn je. Und vielleicht bekommt sie für eine ganze Generation in unserem Land erst jetzt wirklich eine Bedeutung. Seit ich denken kann, hat diese Bitte für uns hier in Deutschland eigentlich kaum eine Brisanz. Den Konfis mussten wir sie immer irgendwie plausibel machen und haben sie dann etwa so übersetzt: Das meint nicht nur das reale Brot, weil das ja immer selbstverständlich war, dass wir das hatten. Es meint den gesamten Grundbedarf, den wir haben: Wasser, Strom, Gas, Öl, Holz. Also, dass wir alles haben, was wir zum Leben brauchen. Aber so richtig hat dennoch niemand nachvollziehen können, dass wir darum regelmäßig bitten müssen.

Auch der Dank dafür, der Erntedank war davon geprägt, dass doch eigentlich selbstverständlich alles wächst und gedeiht. Und jetzt auf einmal sind wir in einer Lage, in der wir Probleme bekommen, unseren Grundbedarf zu decken. Die Energiepreise steigen, die Preise für Spritz- und Düngemittel. Das Umschalten auf ökologischen Landbau und all die neuen Vorschriften für nachhaltiges Wirtschaften und Umweltschutz sind nun zusätzlich ein Hemmschuh für annehmbare Erträge und gleichzeitig geringere Ernten. Bäckereien müssen schließen, weil Menschen sich die immer teureren Backwaren nicht mehr leisten. Landwirtschaft lohnt sich nicht mehr. Menschen können oder wollen die hohen Preise für Bio-Produkte nicht mehr bezahlen, die immer mehr angebaut werden. Und das in unserem Land. Und wenn es schon uns so trifft, ist klar, die Länder in den Dürreregionen auf der Südhalbkugel haben keine Chance mehr, zumal wenn die Kornkammer Ukraine durch den Krieg kaum liefern kann. Das ist so unvorstellbar, dass man es sich am besten anhand von einzelnen Schicksalen klar macht.

Jemand hat mal von einer Mutter in Somalia erzählt, die vor der Frage steht, welchem Kind sie etwas zu essen gibt, damit es überlebt, weil nicht für alle etwas da ist. D.h. die anderen Kinder muss sie verhungern lassen. Triage in der eigenen Familie, bei den eigenen Kindern. Und sie ist kein Einzelfall. Plötzlich steht diese Bitte um das täglich Brot auch in unserem reichen Land im Fokus, wenngleich wir gemessen an dem Schicksal der Mutter in Somalia auf hohem Niveau klagen. Wir sind an vielen Stellen am Ende mit unserem Latein, wie wir uns aus dieser Krise rauswinden sollen. Wir spüren, wir brauchen Beistand, Halt, Kraft, Gelassenheit, um diese Situation auszuhalten und all das notwendige an Veränderungen umzusetzen, was jetzt nötig ist. Wo eins am anderen hängt.

Und das lässt uns auch das Erntefest, unser Erntedankfest in diesem Jahr ganz anders feiern. Mich macht diese Lage, wenn ich zurückblicke, so richtig dankbar für die längste Zeit meines Lebens, in der ich genug zu Essen und Trinken hatte und der Wohlstand immer mehr anwuchs. Nicht mehr nur die Äpfel und Birnen, Johannes- und Himbeeren im eigenen Garten konnten wir genießen, später auch Erdbeeren und immer mehr Früchte aus aller Welt. Und heute gibt es das ganze Jahr über Physalis, und Khaki und Mango und Avocado… Danke Gott für diesen Reichtum der letzten Jahrzehnte. Für den florierenden Handel und Wandel.

Und heute bitten wir: gib uns weiter unser täglich Brot. Und wir bitten nicht, gib uns immer mehr, immer exotischeres, alles zu jeder Zeit im Jahr, vom anderen Ende des Erdballs. Wir bitten, gib uns, und den Menschen in den Kriegsgebieten und den Menschen im Süden genug zum Leben. Wasser und Getreide für Brot, wenigstens. Lass Landwirte und Bäcker überleben, lass die Wirtschaft weiter florieren, damit Menschen Arbeit haben, und sich Lebensmittel und Energie leisten können, damit die, die sie produzieren genug haben, und auch leben können.

Und wir: Wir wollen nicht nur die Hände falten. Wir wollen auch das unsere dazu tun und in den nächsten Jahren kleine Brötchen backen. Nichts verschwenden, kaufen, was wir brauchen und nicht mehr, was dann vergammelt, oder mehr wieder selbst anbauen, essen, was wir hier am Niederrhein haben. Den Wert von Fleisch wieder erkennen und weniger davon essen, weil wir uns vielleicht auch nur noch weniger leisten können, und da-für auch etwas ausgeben, damit das Tier-wohl beachtet werden kann. Lass uns die Rhythmen früherer Zeiten wieder aufnehmen, so wie es in meiner Kindheit noch war: Ein bis zweimal in der Woche Fleisch, einmal Fisch, auch mal eine Mehlspeise oder einen Eintopf. Einerseits der Not gehorchend. Und andererseits ist es gesünder und wir gewinnen damit wieder an Lebensqualität, lässt uns in der schwierigen momentane Lage wieder dankbar werden für das, was wir haben und es nicht mehr nur für selbstverständlich nehmen. Wenn immer mehr für immer weniger Geld zu haben ist, ist es auch immer weniger Wert. Aus dieser Spirale müssen wir uns wieder herauswinden. Da einen Cut zu machen und kleine Brötchen zu backen ist nicht nur der Not geschuldet, heißt nicht nur Verzicht. Es gibt unserem Leben wie-der eine andere, wieder neue Qualität.

Seit Jahrzehnten erklingt in den Kirchen der Dreiklang von Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Zwischenzeitlich war er etwas aus dem Bewusstsein geraten. Gerade kommt uns dieser Zusammenhang sehr nah. Vielleicht versteht meine Generation ihn gerade zum ersten Mal, weil er für uns das erste Mal in unserem Land erklingt und so richtig zu hören und wahrzunehmen ist. Weil er jetzt näher an uns herangerückt ist. Krieg führt zu Not nicht nur bei den Kriegsparteien. Heute in unserer eng vernetzten Welt werden immer gleich viele andere auch in Mitleidenschaft gezogen. Er führt zu weniger Produktion oder Transportschwierigkeiten. Länder, die selbst Lebensmittel produzieren können, überleben, andere sind endgültig gekniffen. Und wenn wir die Schöpfung nicht bewahren und den Klimawandel eindämmen, und im reichen Norden kleinere Brötchen backen, damit Menschen in den Trockengebieten der Erde auch noch Getreide abbekommen, gibt es immer mehr Verteilungskämpfe und Krieg und Gewalt in der Welt.

In diesem Jahr steht die Bitte auch an diesem Erntedanktag ganz eng neben dem Dank. Und nicht nur die ums tägliche Brot. Auch die nächste: und vergib uns unsere Schuld! Vergib uns, was wir selbst beigetragen haben zur gegenwärtigen Lage. Nimm von uns unsere Unachtsamkeit und die Selbstverständlichkeit, mit der wir morgens unsere Brötchen essen. Lass uns dankbar werden für jedes Stück Graubrot. Und vergib uns, wo wir anderen wegessen, was sie zum Überleben brauchen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre so unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Superintendentin Dr. Barbara Schwahn – Predigt am 18. September 2022 in der Dorenburg in Grefrath zu Erntedank.